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Nadellager richtig auswählen: mit oder ohne Innenring, radial oder axial

Nadelhülse mit Boden als Nadellager – Wälzlager mit geringer Querschnittshöhe, mit oder ohne Innenring

Nadellager bringen eine hohe radiale Tragfähigkeit bei sehr geringer Querschnittshöhe unter – überall dort ein Vorteil, wo der Bauraum in radialer Richtung knapp ist. Vor der Bestellung stehen jedoch zwei Grundsatzfragen, die über die richtige Bauform entscheiden: mit oder ohne Innenring und radial oder axial. Beide Entscheidungen hängen weniger von der Maschinengröße als von der Wellenkonstruktion und der Lastrichtung ab. Dieser Ratgeber ordnet die gängigen Nadellager-Bauformen ein und gibt eine praxisnahe Auswahlhilfe; die Bauform-Übersicht und weitere Wälzlagerarten finden Sie ergänzend auf unserer Seite Wälzlager.

Wie ein Nadellager aufgebaut ist

Ein Nadellager ist ein Rollenlager mit besonders schlanken, langen Wälzkörpern – den Nadeln. Weil die Nadeln im Verhältnis zu ihrem Durchmesser lang sind, erzeugen sie eine große Linienberührung und damit eine hohe Tragzahl, ohne dass das Lager viel radial aufbaut. Der Preis dafür: Ein Nadellager nimmt konstruktionsbedingt nur radiale Kräfte auf und ist gegen Schiefstellung der Welle empfindlich. Für axiale Kräfte gibt es eigene Nadellager-Bauformen (dazu unten mehr).

Der entscheidende Punkt für die Auswahl: Anders als ein Rillenkugellager braucht das Nadellager nicht zwingend einen eigenen Innenring. Die Nadeln können direkt auf der Welle abrollen – vorausgesetzt, die Welle eignet sich als Laufbahn. Genau daraus ergibt sich die erste Auswahlfrage.

Mit oder ohne Innenring? Die entscheidende Frage ist die Welle

Ob Sie ein Nadellager mit Innenring oder ohne Innenring wählen, hängt vom Zustand und der Ausführung der Welle ab. Läuft eine Nadel direkt auf der Welle, wird die Wellenoberfläche selbst zur inneren Laufbahn – sie muss dann die gleichen Anforderungen erfüllen wie ein Lagerring.

  • Ohne Innenring (Nadeln laufen direkt auf der Welle): kleinste radiale Bauhöhe, günstig im Bauraum. Voraussetzung ist eine gehärtete und geschliffene Welle als Laufbahn – üblich sind eine Oberflächenhärte von ca. 58–64 HRC und eine feine Schleifgüte. Ist die Welle nicht härtbar oder soll sie einfach und kostengünstig gefertigt werden, scheidet diese Variante aus.
  • Mit Innenring (Lager bringt die gehärtete Laufbahn mit): erforderlich, wenn die Welle nicht gehärtet werden kann oder soll, bereits eingelaufen ist oder aus einem weichen bzw. nichtrostenden Werkstoff besteht. Der Innenring baut radial etwas höher auf, macht die Lagerstelle dafür aber unabhängig von der Wellenqualität und im Reparaturfall leichter instand zu setzen.

Merkregel: Die Frage „mit oder ohne Innenring" ist zuerst eine Frage an die Welle, nicht an das Lager. Steht eine gehärtete, geschliffene Welle zur Verfügung, spart die Ausführung ohne Innenring Bauraum und Bauteile. In allen anderen Fällen ist der Innenring die sichere Wahl.

Nadellager-Innenringe separat: die Verbindung zum Zubehör

Innenringe für Nadellager (Bezeichnung meist IR, z. B. IR20x25x20) sind auch einzeln erhältlich. Das ist praktisch, wenn Sie eine bestehende Konstruktion ohne Innenring nachrüsten, weil sich die Welle als Laufbahn nicht mehr eignet – etwa nach Verschleiß. Der gehärtete Ring wird auf die Welle gepresst und stellt eine frische, präzise Innenlaufbahn bereit, ohne dass die Welle selbst nachgearbeitet werden muss. Die Kombination aus nadelbewehrtem Außenteil und separatem Innenring ist genormt und dadurch herstellerübergreifend zuordenbar.

Die radialen Bauformen: Nadelhülse (HK) und Nadelbüchse (NA/NK)

Bei den radialen Nadellagern trennt man vor allem nach der Ausführung des Außenrings – das entscheidet über Tragfähigkeit und Einbau.

Bauform Kurzzeichen Innenring Typische Eignung
Nadelhülse HK ohne (Welle = Laufbahn) geringste Bauhöhe, dünnwandiger gezogener Außenring, mittlere Lasten
Nadelbüchse (massiv) NK ohne (Welle = Laufbahn) massiver, spanend bearbeiteter Außenring, höhere Lasten als HK
Massives Nadellager NA mit (integriert) hohe Tragfähigkeit, unabhängig von der Wellenqualität

Die Nadelhülse HK hat einen dünnwandigen, tiefgezogenen Außenring und baut damit am kompaktesten. Sie sitzt im Presssitz in der Gehäusebohrung, die dadurch die Führung übernimmt, und läuft ohne Innenring direkt auf der gehärteten Welle. Typisches Einsatzfeld sind Lagerstellen mit knappem Bauraum und mittlerer Belastung.

Die Nadelbüchse NK und das massive Nadellager NA besitzen dagegen einen spanend gefertigten, dickeren Außenring und vertragen höhere Lasten. Die NA-Reihe bringt den Innenring mit und ist damit die Wahl, wenn die Welle nicht als Laufbahn dienen kann. Alle drei Bauformen gibt es mit und ohne Käfig: Vollnadelige Ausführungen (ohne Käfig, „V") tragen höhere Lasten, käfiggeführte laufen ruhiger und eignen sich für höhere Drehzahlen.

Radial oder axial? Die Lastrichtung entscheidet

Die zweite Grundsatzfrage betrifft die Richtung der Kraft. Ein radiales Nadellager – Nadelhülse oder Nadelbüchse – stützt ausschließlich Kräfte senkrecht zur Welle ab. Wirken Kräfte in Achsrichtung, brauchen Sie ein Axial-Nadellager. Dessen Nadeln liegen sternförmig in einem Käfig und rollen zwischen zwei ebenen Scheiben ab.

  • Radial-Nadellager (HK, NK, NA): nehmen nur Radialkräfte auf. Für axiale Führung ist eine separate Anlaufscheibe oder ein zweites Lager nötig.
  • Axial-Nadellager (AXK): nehmen nur Axialkräfte in einer Richtung auf. Die Käfig-Nadelkranz-Einheit (AXK) wird üblich mit zwei Anlaufscheiben (AS) zu einer vollständigen Axiallagerung kombiniert.

Wichtig für die Auswahl des Axial-Nadellagers: Die Axialscheiben sind gehärtete Laufbahnen. Sind die anliegenden Bauteile – etwa Gehäuse und Wellenbund – nicht selbst gehärtet und geschliffen, müssen die passenden Anlaufscheiben (Kurzzeichen AS) mitbestellt werden. Der Nadelkranz allein reicht dann nicht aus. Auch hier gilt also dieselbe Logik wie beim radialen Innenring: Fehlt eine geeignete gehärtete Lauffläche, muss das Lager sie mitbringen.

Nadellager oder anderes Wälzlager? Wann die Bauform passt

Bevor die Feinauswahl beginnt, lohnt der Abgleich, ob das Nadellager überhaupt die richtige Bauart ist. Als Orientierung:

Anforderung Nadellager geeignet? Hinweis
Wenig radialer Bauraum, hohe Radiallast sehr gut Kernstärke der Bauart
Kombinierte Radial- und Axiallast bedingt Radial- und Axial-Nadellager kombinieren, oder Kegelrollenlager prüfen
Deutliche Schiefstellung der Welle ungeeignet Pendelrollenlager erwägen
Sehr hohe Drehzahl bei geringer Last bedingt käfiggeführte Ausführung wählen; ggf. Rillenkugellager

Auswahl in vier Schritten

Für die Praxis lässt sich die Bauform-Entscheidung an vier Fragen festmachen:

  • 1. Lastrichtung? Nur radial → Nadelhülse/Nadelbüchse. Nur axial → Axial-Nadellager (AXK). Beides → beide Bauformen kombinieren.
  • 2. Welle als Laufbahn geeignet? Gehärtet und geschliffen (ca. 58–64 HRC) → Ausführung ohne Innenring (HK/NK). Nicht härtbar, weich, nichtrostend oder eingelaufen → mit Innenring (NA) bzw. separaten IR-Innenring ergänzen.
  • 3. Höhe der Belastung? Mittel und wenig Bauraum → HK. Höher → massive NK/NA-Bauform, ggf. vollnadelig.
  • 4. Drehzahl? Höhere Drehzahlen → käfiggeführt. Maximale Tragfähigkeit bei niedriger Drehzahl → vollnadelig.

Wichtig bleibt bei allen Nadellagern die Abdichtung und Schmierung: Die schlanke Bauhöhe lässt wenig Platz für integrierte Dichtungen, weshalb die Lagerstelle konstruktiv sauber gegen Schmutz geschützt werden sollte. Kennwerte wie zulässige Drehzahl und Tragzahl entnehmen Sie stets dem Katalog des jeweiligen Lagers; die hier genannten Werte sind Richtwerte zur Orientierung.

Herstellerübergreifend auswählen

Weil die Kurzzeichen HK, NK, NA, AXK, AS und IR sowie die zugehörigen Hauptabmessungen genormt sind, lassen sich Nadellager herstellerübergreifend zuordnen – ob von SKF, INA (Schaeffler), FAG oder NTN. Für die Auswahl heißt das: Liegt eine vorhandene Bezeichnung vor, lässt sie sich meist direkt einer Bauform und den passenden Ergänzungsteilen zuordnen. Ist die Zuordnung im konkreten Fall unklar – etwa bei einer eingelaufenen Welle oder einer kombinierten Lastsituation – bestimmen wir als Händler und Lieferant gemeinsam mit Ihnen die passende Bauform samt Innenring oder Anlaufscheibe. Verfügbarkeit und Bestellung laufen über unseren Shop antriebstechnik.shop.

Häufige Fragen

Nadellager mit oder ohne Innenring – was ist der Unterschied?

Bei einem Nadellager ohne Innenring rollen die Nadeln direkt auf der Welle, die dadurch selbst zur Laufbahn wird. Das setzt eine gehärtete und geschliffene Welle voraus (Richtwert ca. 58–64 HRC). Ein Nadellager mit Innenring bringt die gehärtete Laufbahn selbst mit und ist erforderlich, wenn die Welle nicht härtbar, weich, nichtrostend oder bereits eingelaufen ist. Ohne Innenring baut das Lager radial kompakter, mit Innenring ist die Lagerstelle unabhängig von der Wellenqualität.

Wann brauche ich eine gehärtete Welle als Laufbahn?

Immer dann, wenn Sie ein Nadellager ohne eigenen Innenring einsetzen – etwa eine Nadelhülse (HK) oder Nadelbüchse (NK). Weil die Nadeln direkt auf der Welle abrollen, muss die Wellenoberfläche dieselbe Härte und Schleifgüte wie ein Lagerring aufweisen (Richtwert ca. 58–64 HRC). Lässt sich die Welle nicht härten, wählen Sie ein Nadellager mit Innenring oder ergänzen einen separaten Innenring (IR).

Was ist der Unterschied zwischen Nadelhülse (HK) und Nadelbüchse (NA/NK)?

Die Nadelhülse HK hat einen dünnwandigen, tiefgezogenen Außenring und baut am kompaktesten – geeignet für mittlere Lasten bei knappem Bauraum. Die massive Nadelbüchse NK und das massive Nadellager NA besitzen einen dickeren, spanend gefertigten Außenring und vertragen höhere Lasten. Die NA-Reihe bringt zusätzlich einen Innenring mit.

Wofür wird ein Axial-Nadellager (AXK) verwendet?

Ein Axial-Nadellager nimmt Kräfte in Achsrichtung auf, die ein radiales Nadellager nicht abstützen kann. Die Nadelkranz-Einheit (AXK) wird üblicherweise mit zwei gehärteten Anlaufscheiben (AS) kombiniert. Sind die anliegenden Bauteile nicht selbst gehärtet und geschliffen, müssen diese Anlaufscheiben mitbestellt werden.

Kann ein Nadellager axiale Kräfte aufnehmen?

Ein radiales Nadellager (HK, NK, NA) nimmt konstruktionsbedingt nur Radialkräfte auf. Für axiale Kräfte gibt es das Axial-Nadellager (AXK). Treten Radial- und Axialkräfte gemeinsam auf, kombiniert man beide Bauformen oder prüft eine andere Bauart wie das Kegelrollenlager.

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